Fremd Und Daheim

Ich will euch nicht beweisen, wie deutsch ich bin.
Denn genau das will ich nicht mehr tun müssen.
Ich bin farbig und schwarz, Wolf und Philosoph,
Urgestein der menschlichen Natur und Kultur.
Ihr seid farbig und weiß, Hund und Schaf,
allgemeine menschliche Kultur.

Wenn ich eine Heimat hätte, müsste es Deutschland sein. Ich bin im einzigen Krankenhaus meiner Kleinstadt zur Welt gekommen, nur dort aufgewachsen und habe im nördlichsten Viertel als Stadtkind zwischen wohlhabenden Dorfkindern das Abitur absolviert.
Ob im Unterricht oder auf dem Schulhof, ob im Jahrbuch oder in den Annalen:
Immer war ich in der Minderheit, immer war ich die Ausnahme.
Ich fiel auf, ohne es zu wollen. Ich flog auf, ohne es zu bereuen.
Zurück in die Stadtmitte wollte ich, wie vor dem Umzug in in besseres Viertel, um wieder mit Ausländern zu scherzen anstatt Scherze über Ausländer zu hören.
Die Witze waren selten lustig, auch nicht wenn sie unaufgefordert beteuerten, es sei kein Rassismus und einen weiteren Witz nachlegten.
Auf schulische Wege unkündbar, versuchte ich den Rauswurf durch disziplinäres Fehlverhalten zu erzwingen. Welcher Gewinnertyp sucht aktiv die Rote Karte? Dieser Gedanke gebot mir Einhalt und rettete meine Schullaufbahn- zu einer Zeit, in der Lehrkräfte wegen mir und meinen Kollegen Sondersitzungen abhielten und kurz davor waren, Urlaubstage und Schulverweise an uns zu verlosen. Mein Versprechen, mich wie der gute Schüler zu verhalten, der ich eigentlich bin, hielt ich meiner Klassenlehrerin gegenüber und wählte seitdem bewusst den schulischen Alltag zwischen Söhnen und Töchtern von Bauern, Ärzten, Anwälten und Politikern, von denen viele zum ersten Mal einen farbigen Kopf streichelten.
Beim Fußball hat unser Torwart mich einmal gefragt, ob ich auch Knochen und Knieschieben wie Weiße habe, da mir ein Zusammenprall sichtlich weniger Schmerzen bereitet. In der Schule fragte mich mein Sitznachbar, ob ich auch rotes Blut habe. Ich habe verärgert geantwortet: „Nein, es ist grün.“ Der Junge hat ganz große Augen gemacht: „Wie bei Insekten? Hey! Warte!“
Mein Zeugnis erholte ich wie pubertäre Akne und die zerfransten Nerven meiner Mutter erneuerten sich, sodass sie zuversichtlicher mit mir über meinen baldigen Abschluss sprechen konnte.
Sie ist bis heute oft übervorsichtig und besorgt, aber das ist ja meine Mutter, es geht wohl nicht anders.
Mein Zeugnis erlaubte mir sogar, in den USA zu leben. Ein Traum wurde wahr.
Ein Jahr lang High School mit Cheerleader und Musical und riesigen Pausenhöfen, Spindfächern und Schulkabinen. Ein Jahr lang Schulbus, morgens zur Schule, nachmittags nach Hause und abends zu Auswärtsspielen. So viele Eindrücke, so viele schöne Gesichter, so viel leckeres Essen.
Doch ich machte auch verblüffende Erfahrungen,welche meine Identitätssuche vorantrieben.
Denn trotz meiner Hautfarbe war ich kein Afro-Amerikaner. Für sie war ich ein schwarzer Deutscher, ohne Migrationshintergrund, nur Deutscher und schwarz.
Mein Englisch klang anders, ich hatte andere Vorlieben und war über vieles erstaunt, was sie schon oft gesehen hatten:
Schlangenhäute im Garten, 20 Grad Celsius im Winter, Jugendliche mit Sportwagen als Geburtstagsgeschenk, obdachlose Veteranen vor dem Supermarkt, die viele ignorieren, als wären sie Drogenabhängige. Rentner und Studenten befüllen für dich die Einkaufstüten und tragen sie für dich zu deinem Auto, damit du den leeren Einkaufswagen wie Geschirr stehen lässt. Denn dort ist es auch deren Arbeit, die Wagen für dich in das Gehäuse zu schieben, wo du sie beim nächsten Einkauf geordnet wiederfinden wirst. Ein wahres Traumland.
Auch die Schwarzen sind nicht, wie ich erwartet hatte. Sie kommen nicht alle aus Harlem, der Bronx oder Compton, sind nicht alle coole Tänzer oder harte Gangster.
Ich habe Freunde aus Haiti, Jamaika, Trinidad und Tobago gefunden. Eine Nigerianerin hat mich für „BIG BANG“ begeistern können, bevor es „Bangtan Sonyeondan“ gab.
Sie waren sichtlich stolz auf die Herkunftsländer ihrer Eltern und gleichzeitig Amerikaner oder Kanadier.
Ich dagegen fühlte mich nur im Ausland deutsch und in Deutschland wie ein Ausländer.
Kann es mir verübeln? Die Hunde sind freundlicher zu mir als die Herrchen und Frauchen, die den Bürgersteig studieren.
Die Abiturienten in meinem Alter schämen sich, mich in der Öffentlichkeit zu grüßen, wenn man sich begegnet. Diese Gesellschaft ruft „Refugees Welcome“, aber hasst Merkel fast genauso wie die Fremden, die sie ins Land lassen wollte. Ob Deutschland ohne Kinder ausstirbt oder man mit Waffengeldern den Betroffenen helfen sollte, sei dahingestellt.
Diese Menschen -ich betone ihre Menschlichkeit- diese Menschen sehen aus wie ich und meine Freunde. Mich nennt man besser als sie alle, weil ich einen andersfarbigen Pass besitze, weil die offizielle Landessprache meine Muttersprache ist und ich deren Schule durchlaufen bin.
Ohne meinen besonderen Status würde die Polizei nachts auch mich wecken.

Und sobald ich den Kongo, Zaire, das ehemalige Königreich der Bantu, besuche, wird man mich als Deutschen und Schwarzen aufnehmen, als falschen Weißen, wie sie zu sagen pflegen,
wie einen Unterklassekrieger auf dem falschen Stern.
Identität ist in Teilen fremdbestimmt, vieles bestimmen wir für uns selbst.
Aus diesem Grund bin ich ein antinationalistischer Kosmopolit.
Ich bin stolz auf meine dunkle Hautfarbe, auf mein Geburtsland und auf die Herkunft meiner Eltern, aber begrenze mich nicht darauf.
Alle sozialen und interkulturellen Einflüsse bereichern und vertiefen mein einzigartiges Profil.
Vielleicht streiten sich bald die Nationen um mich wie um Chopin und Mozart.
Von mir aus kann ich sagen, dass ich -glücklicherweise und Gott sei Dank- multikulturell bin,
mit mehr Leidenschaft und Persönlichkeit als der Reisepass und mein Geldbeutel erlaubt.

Integriert und doch zu früh gefreut, kompetent auf jedem Kontinenten.
Überall könnte daheim sein, dennoch wäre ich Stück weit fremd.

Vielen Dank für’s Zuhören.


Jonathan Yambo
26.10.2019

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